Verfasst von: LAndsichten | 21. Januar 2012

Einem Kriegsverbrechen auf der Spur

Aus: Hallertauer Zeitung vom 21. Januar 2012
Am 27. und 28. Januar Filmschau in der Mittelschule:
Einem Kriegsverbrechen auf der Spur
Marcus Siebler präsentiert Kurzfilm über drei ermordete US-Flieger im Juni 1944

Von Michael Betz

Au. Trümmer, Rauch, daneben ein deutscher Soldat und mehrere
Zivilisten — das Schwarzweißfoto lässt sich genau datieren, auf den 13. Juni 1944. Es ist der Tag eines deutschen Kriegsverbrechens an Besatzungsmitgliedern eines notgelandeten amerikanischen Bombers: drei von ihnen wurden von fanatischen Nazi-Funktionären aus Freising ermordet. Der Filmemacher Marcus Siebler, gebürtig in Hirnkirchen bei Au, sammelte Informationen und befragte Zeitzeugen zu den Geschehnissen vor rund 68 Jahren. Als Ergebnis entstand der Dokumentarfilm „13. Juni 1944“, der am 27. und 28. Januar in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule in der Auer Mittelschule öffentlich gezeigt wird.

Dokumentarfilme über den Zweiten Weltkrieg oder das Dritte Reich gehören zum Standardprogramm
beinahe jeden Fernsehsenders; kein Detail aus dem Leben von Adolf Hitler bleibt so unerforscht und ungesendet. Anders sieht es vielfach bei lokalen Aspekten der NS-Zeit aus — hier werden die Forschungsergebnisse dürftiger. Auch über den Bomber-Absturz bei Sillertshausen und die spätere Ermordung von drei Besatzungsmitgliedern im Jahr 1944 gab es zwar bisher schon lokale Veröffentlichungen von Heimatkundlern, allerdings noch keine umfassenden Nachforschungen.

„Opfern Namen geben“

Diese Lücke füllt nun Marcus Siebler mit seinem Dokumentarfilm „13. Juni 1944“. Der 31-Jährige erfuhr während seiner Jugend in Hirnkirchen bei Au von der Geschichte des abgestürzten US-Bombers und seiner Besatzung: „Davon haben die älteren Leute immer wieder gesprochen.“ Und er habe sich immer wieder gefragt, wer wohl diese amerikanischen Soldaten waren. Mit seinem Dokumentarfilm kann Siebler nun Antworten geben: Er fand die Identität der Opfer heraus, die Namen der Überlebenden und weitere Fakten zu den Geschehnissen. „Es war mein Ziel, den Opfern Namen und Gesichter wiederzugeben“, bringt es der junge Filmer auf den Punkt.

Im Rahmen seiner Recherchen stieß Siebler auf Absturzakten der US-Armee, in denen nach dem Krieg das Schicksal verlorengegangener Bomber und ihrer Besatzungen festgehalten wurde. Und was in den Wirren der Nachkriegszeit der Besatzungsmacht nicht möglich war, gelang nun dem Dokumentarfilmer: Er konnte das Flugzeug als Teil der 15. US Army Air Force identifizieren, die am 13. Juni 1944 von Süditalien aus mit 700 Maschinen einen Angriff auf das BMW-Werk in Milbertshofen geflogen hatte. „Der Bomber vom Typ B24 Liberator wurde von der deutschen Flak und durch Luftkämpfe dazu gezwungen, die enge Formation der Bomber zu verlassen — und damit zum leichteren Opfer der deutschen Abwehr“, berichtet Siebler aus seinen Recherchen in Archiv-Dokumenten aus den USA. Auf einem Feld bei Sillertshausen versuchte der Pilot, 2nd Lieutenant Herbert F. Frels aus Texas, eine Notlandung. Die restlichen neun Besatzungsmitglieder sprangen vor ihm mit dem Fallschirm ab. Bis auf einen Soldaten, dessen Fallschirm sich wohl nicht öffnete, überlebten alle den Absturz des Bombers.

Fanatischer Nazi-Funktionär

Dann kommt die NSDAP-Führung des damaligen Landkreises Freising ins Spiel, wie Siebler aus Dokumenten und Zeitzeugen-Aussagen rekonstruierte: Ein Trupp von Funktionären unter der Führung von Kreisleiter Hans-Rupert Villechner eilt zur Absturzstelle und bekommt dort einen der US-Soldaten, den 19 Jahre alten Sergeant Robert W. Boynton, zu fassen. Der Flieger wird von NS-Funktionären unweit des Flugzeugwracks erschossen. Ein in der Arrestzelle der damaligen Polizeistation in Attenkirchen eingesperrter Amerikaner wird wenig später von einem NS-Funktionär mit einem Hammer erschlagen. Ein drittes Mitglied der Flugzeugbesatzung, Private Thearon O. Ivy, hatte sich nach dem Absturz drei Tage lang versteckt gehalten und stellte sich schließlich. Nachdem die NSDAP-Kreisleitung in Freising davon erfahren hatte, wurde der Soldat am 17. Juni 1944 an der Verbindungsstraße zwischen Langenbach und Moosburg erschossen. „Vermutlich während eines vorgetäuschten Transports in ein Ge-
fangenenlager“, wie Siebler erklärt. „Es gab in Deutschland zwischen 1943 und 1945 rund 225 dokumentierte Fälle von Ermordungen abgesprungener alliierter Flieger“, weiß Marcus Siebler zu berichten. Auf höchsten Befehl sei die Polizei angehalten worden, bei Übergriffen gegen die Gefangenen nicht einzuschreiten. „Das ist ein Kriegsverbrechen“, betont Marcus Siebler.

Weitere Morde an Fliegern

Die besondere Tragik für die US-Soldaten bei diesem konkreten Absturz sei es gewesen, dass ihr Überleben auch davon abhängig gewesen sei, wo sie mit dem Fallschirm letztlich landeten: Im damaligen Landkreis Mainburg, zu dem die Gemeinde Au gehörte, seien die örtlichen Parteifunktionäre nämlich nicht ganz so fanatisch gewesen; den drei dorthin gelangten US-Fliegern sei nichts passiert; der durch einen Unfall getötete Flieger sei sogar ein Jahr auf dem Auer Friedhof bestattet gewesen. „Im Grunde hat der Wind über Leben und Tod entschieden“, bringt es Marcus Siebler auf den Punkt.

Die Blutspur von Villechner und seinen Helfern zieht sich im Krieg noch weiter: Bei Eching im Landkreis Freising kam es wenige Wochen nach den Morden von Sillertshausen und Attenkirchen zu einem ähnlichen Verbrechen, dem wiederum drei amerikanische Flieger zum Opfer fielen; daran beteiligt waren nach den Ermittlungen des US-Militärs ebenfalls NS-Funktionäre aus dem Umfeld des Kreisleiters. Nach dem Krieg ging die US-Militärjustiz in den sogenannten „Dachauer Prozessen“ gegen Beteiligte an den Fliegermorden im Landkreis Freising vor. Hans Staudinger und Max Herrmann, ehemals stellvertretender Kreisleiter und SA-Sturmführer, wurden wegen den Echinger Morden zum Tode verurteilt und 1947 hingerichtet. „Für die Sillertshausener Morde gab es wegen unsichererer Beweise Begnadigungen“, berichtet Marcus Siebler aus seinen Nachforschungen.

Der nach dem Krieg jahrelang untergetauchte ehemalige Freisinger Kreisleiter Hans-Rupert Villechner wurde 1952 zwar in einem Schwurgerichtsverfahren zu drei Jahren Zuchthaus wegen Beteiligung an den Fliegermorden verurteilt, in einem Berufungsverfahren 1954 im April allerdings freigesprochen. In seinem Entnazifizierungsverfahren wurde Villechner schließlich sogar als „minderbelastet“ eingestuft.
Zwei Jahre der Recherche

Marcus Siebler über die Arbeit am Film „13. Juni 1944“
Von Michael Betz
Au. Zwei Jahre Arbeit, unzählige Interviews, aufwendige Recherchen in Archiven in den USA und Deutschland: Sein 28-minütiger Dokumentarfilm „13. Juni 1944“ über die Morde an drei notgelandeten amerikanischen Fliegern hat Marcus Siebler intensiv beschäftigt. Im Gespräch mit der Hallertauer Zeitung berichtet Siebler über seine Beweggründe für diesen Film.

Vor allem ist es das historische Interesse,  die Begeisterung für Geschichte, die ihn antreibt: „Amerikanische Geschichte hat mich schon immer interessiert, in den letzten fünf Jahren habe ich mich bei meinen Arbeiten dann auf die Geschichte des Nationalsozialismus konzentriert.“ Marcus Siebler stammt aus dem kleinen Ort Hirnkirchen in der Marktgemeinde Au. Wer über historische Ereignisse in der engeren Heimat einen historisch fundierten Film machen will, muss viele Menschen nach ihren Erinnerungen fragen. 20 bis 25 Gespräche mit Zeitzeugen führte Siebler so; sie seien 1944 meistens noch Jugendliche gewesen, sie hatten auch jeweils nur einen Teilaspekt der Geschehnisse mitbekommen. „Ich habe bei den Interviews sowohl Skepsis als auch Offenheit erlebt“, blickt Siebler zurück. Insgesamt erzählten die älteren Leute aber gern. Mit dem Dokumentarfilm werden die Erinnerungen „für die Region archiviert“, wie Siebler betont. Deshalb möchte er ihn bei möglichst vielen Gelegenheiten in den kommenden Monaten zeigen. Mit der Volkshochschule des Marktes Au hat sich vor diesem Hintergrund eine Kooperation bei der Vorführung ergeben: „Wir wollten es einfach unterstützen, wenn jemand solche Forschungen betreibt“, betonte die Auer Vhs-Leiterin Erika Wittstock-Spona bei einem Vorgespräch zur Filmvorführung.
Und dass die geschichtlichen Nachforschungen von Marcus Siebler möglicherweise auch ganz reale Folgen haben könnten, machte der Filmer auch noch deutlich: „Möglicherweise wird im Sommer an der Absturzstelle des Bombers bei Sillertshausen eine Gedenktafel errichtet. Drei Angehörigen-Familien verstorbener Flieger aus den USA haben schon ihr Interesse an einem Besuch in Bayern signalisiert.“ Der 28-minütige Film „13. Juni 1944“ ist am 27. Januar ab 19.30 Uhr und am 28. Januar ab 16.30 Uhr in der Aula der Mittelschule Au in einer Veranstaltung der örtlichen Volkshochschule mit dem Dokumentarfilmer Marcus Siebler zu sehen. Dabei werden ebenfalls die Kurzfilme „Abschuss“ und „13,5 Kilometer“ gezeigt, die sich mit dem (manchmal problematischen) Gedenken an Verbrechen des Weltkrieges auf lokaler Ebene beschäftigen sowie mit den persönlichen Erinnerungen des Zeugen eines „Todesmarsches“ von KZ-Insassen im nördlichen Landkreis Freising. Der Eintritt zur Filmvorführung ist für alle Interessierten frei, um Spenden wird allerdings gebeten.

Bildunterschrift:
Marcus Siebler produzierte in zweijähriger Arbeit einen Dokumentarfilm über
Morde an drei abgestürzten US-Fliegern im Zweiten Weltkrieg. Foto: Betz

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